Historischer Hintergrund der "Gauklerin von Kaltenberg"

 O fortuna velut luna statu variabilis

Die Carmina Burana und "Die Gauklerin von Kaltenberg":

O fortuna velut luna – von der Fußball-WM über den Soundtrack großer Hollywood-Blockbuster wie Excalibur bis hin zur Werbung: Jeder hat schon einmal die Carmina Burana gehört, vielleicht ohne es zu wissen. In der Vertonung des bayerischen Komponisten Carl Orff erlangten sie Weltruhm, aber immer wieder greifen auch moderne Mittelalter-Musikgruppen auf die Texte zurück.

Carmina Burana – das heißt Lieder aus Benediktbeuern. Aber bis heute weiß man nicht, wie die geheimnisvolle Handschrift eigentlich dorthin gekommen ist. Als im Jahre 1803 alle bayerischen Klöster ihre Tore der Säkularisation öffnen mussten, fand man das Buch in der Klosterbibliothek. Ein einzigartiges Buch: Die meisten Schriften aus dem Mittelalter wurden von Klerikern verfasst. Aber in den Carmina Burana geht es um das, was die Frauen am Brunnen, die niederen Geistlichen und fahrenden Spielleute in der Taverne beschäftigt hat: um Wirtshausschlägereien, um Saufen, Fressen und Sex. Die Zeile, die über dem Roman steht, sagt viel über das Lebensgefühl der Zeit: Nichts ist sicher, jederzeit kann dich der Tod treffen. Man hat sich das Schicksal als Rad vorgestellt, das unaufhaltsam kreist und einen jederzeit unter sich begraben kann. Also hat man das Leben in vollen Zügen genossen, vielleicht mehr als wir das heute können. Diese überschäumende Lebensfreude ist auch charakteristisch für Anna, die "Gauklerin von Kaltenberg".

Gaukler leben am Rande der mittelalterlichen Gesellschaft. Die Regeln anständiger Bürger gelten nicht für sie – nun ja, und wenn doch, scheren sie sich nicht besonders darum. Das Fahrende Volk lebt im Einklang mit der Natur, und zugleich ist sie sein größter Feind. Sie haben keine Ehre, gern gesehen ist es bei Landvolk und Bürgern, Rittern und hohen Frauen. Man verachtet sie und vertraut ihnen dennoch gefährliche geheime Botschaften an. Vielerorts sind sie so gut wie rechtlos, und doch ist es ihnen allein erlaubt, sich über die höchsten Herren lustig zu machen. In ihnen verfestigen sich Lebensfreude und Elend, Wissen und Dummheit, Leidenschaft und Spott. Und vielleicht sind sie der Schlüssel zum Rätsel der Carmina Burana.

Die Handschrift der Carmina Burana, die heute in der Staatsbibliothek München verwahrt wird, ist die einzige. Verschiedene Theorien ranken sich um ihre Herkunft. Eine davon, die im Roman aufgenommen wird, nennt Kloster Neustift in Südtirol. Aber wie kamen die Lieder nach Benediktbeuern? Ihr endgültiges Geheimnis werden die Carmina Burana vielleicht nie preisgeben. Der Roman Die Gauklerin von Kaltenberg versucht es zu lüften.

Und Kaltenberg?

Ein unseliger Mord und eine blutige Fehde stehen am Anfang der Geschichte von Burg Kaltenberg. Um sie rankt sich der Plot des Romans.
Erbaut 1292 von Herzog Rudolf – dem älteren Bruder Ludwigs des Bayern – wurde die Burg zum Zankapfel der verfeindeten Familien der Haldenberger und Rohrbacher. Aber nicht nur die Familienfehde suchte in diesen Jahren das Ammerseegebiet heim. Der Lechrain war Grenzgebiet - nicht weit von hier begannen die Besitzungen der Habsburger. 1315 und 1319 fielen österreichische und schwäbische Truppen unter Herzog Leopold ein und verwüsteten die Gegend schwer. Besonders grausam tat sich der Raubritter Heinrich von Wolfsberg hervor, der „Fraß“. Er wird sogar in einer Urkunde Ludwigs des Bayern erwähnt: Der König belohnt die Stadt Landsberg am Lech mit Privilegien: zum Dank für ihren Widerstand gegen seine Feinde, und zur Entschädigung für das, was sie von dem "Fraß" erdulden musste. All diese historischen und erfundenen Gestalten bewegen sich auf einer Bühne, wie sie nur die Geschichte schaffen kann. Der große historische Hintergrund des Romans und der Fehde um Kaltenberg ist der Kampf um die deutsche Krone:
1314 bewirbt sich Ludwig der Bayer aus dem Hause Wittelsbach um die deutsche Krone. Da sich die Kurfürsten nicht zwischen ihm und seinem Freund und Vetter Friedrich dem Schönen von Österreich einigen können, beginnt ein blutiger Krieg. Während Frankreich und England auf den Hundertjährigen Krieg zusteuern, während die Schweiz mit der Eidgenossenschaft die erste moderne Demokratie begründet, verändert sich in Deutschland plötzlich alles.

Ludwig der Bayer ist vielleicht einer der ersten modernen Herrscher in Europa. In einer Zeit, als Hexen- und Dämonenfurcht der Inquisition in die Hände spielen, macht er sich von Papst und Inquisition weitgehend unabhängig – weshalb sein Andenken fast bis heute verdammt wird. Ludwig setzte auf starke Städte und Orden, um den Handel zu fördern. Mehrfach beschützte er die jüdischen Bürger vor den in dieser Zeit so häufigen Ausschreitungen. Im Rahmen des Thronstreits mit seinem Vetter Friedrich von Österreich gab es tatsächlich zweimal Gerüchte um ein Mordkomplott gegen ihn, 1319 vor Mühldorf und 1320 bei Straßburg, so wie im Roman beschrieben. Der Krieg um die Macht wurde mit allen Mitteln geführt.

Aber ist das verwunderlich? Es ist eine Zeit der Krise: Eine europaweite Hungersnot, immer brutaler werdende Kriege und fadenscheinige Inquisitionsprozesse wie der gegen die Templer rütteln an traditionellen Machtgefügen. Europa steht auf Messers Schneide. Niemand kann die Menschen das hohle, kreisende Rad des Schicksals vergessen machen. Niemand, außer den Gauklern. Und dem größten Fest, das die Zeit kannte: dem Turnier.

Die Kirche beäugte dieses Vergnügen des Adels misstrauisch. Aber niemand ließ sich die gefährlichen Kampfspiele verbieten. Im 14. Jahrhundert verwendete man bereits Turnierwaffen: stumpfe Schwerter und Lanzen ohne Spitze, sondern mit dem stumpfen Turnierkrönlein. Aber davon abgesehen unterschied sich ein Turnier nicht besonders von der Schlacht. Die Tjost – der Zweikampf zu Pferd mit Lanze – war nur eine der Disziplinen und stand gewöhnlich am Anfang der mehrtägigen Veranstaltung. Höhepunkt war das eigentliche Turnier: der Massenkampf zu Pferd. Für die Besucher, die Damen auf den Tribünen, die Spielleute und Bauern ein großes Fest: Voller Farben, flatternder Wimpel, erregender Gerüche und klirrender Schwerter.

Aber unten, auf dem Turnierplatz, herrschte blutiger Ernst. Wer wie ich selbst mit dem Schwert kämpft, weiß, wie schwere Verletzungen auch eine stumpfe Klinge verursachen kann. Eine splitternde Lanze, ein im Getümmel durchgehendes und alles niedertrampelndes Pferd – wer diesen Ort betrat, wusste, dass er ihn vielleicht auf der Totenbahre verlassen würde. So manche Fehde fand auf dem Turnierplatz ihr blutiges Ende – wie auch in Die Gauklerin von Kaltenberg.